Retrocomputing: Die Ära des C64

C-64 StartbildschirmDer Commodore 64 (oder kurz: C=64) war der Kult-Heimcomputer der 80er Jahre. Viele der heutigen Computerexperten und Softwareentwickler legten mit dem 64er den Grundstein für ihren späteren beruflichen Werdegang. Andere nutzten den C64 als reinen Spielecomputer. Insgesamt wurden mehr als 17 Mio. Commodore 64-Heimcomputer verkauft, allein in Deutschland waren es ganze 3 Millionen Geräte und so verwundert es auch nicht, daß sich mittlerweile rund um den 64er eine große Retro-Computing-Szene gebildet hat. Seit Mitte des Jahres 2011 bietet Commodore USA in ihrem Onlineshop eine Neuauflage des populären Heimcomputers an, natürlich in der authentischen Commodore Brotkasten-Optik, aber mit modernen PC-Komponenten.

C64 – Grafik, Sound & C64 Komponisten

Der C64 kam zu Beginn des Jahres 1983 in Deutschland auf den Markt, er feiert 2013 also seinen 30. Geburtstag. Er war der Nachfolger des VC 20, des selbsternannten „Volkscomputers“ und der damalige Verkaufspreis lag bei ca. 1300DM. Auch wenn dieser Preis aus heutiger Sicht relativ hoch erscheinen mag, so galt der C64 doch als preisgünstiges Einsteigergerät. Mit seiner offenen Systemarchitektur und den vielseitigen Schnittstellen sowie einem damals „riesigen“ Speicher von 64kB war der Commodore 64 ein Heimcomputer mit faktisch konkurrenzlosem Preis-Leistungs-Verhältnis.
Im Verlauf der folgenden drei Jahre wurde der C64 in Deutschland zum meistverkauften Heimcomputer – die Hauptkonkurrenten Schneider CPC464, Sinclair ZX81 bzw. Sinclair ZX Spectrum 16/48k und Atari 800XL wurden weitgehend ins Abseits gedrängt. Bis zum Ende des Jahres 1986 verkaufte die Commodore Büromaschinen GmbH (die deutsche Tochter der Commodore Business Machines [CBM]) insgesamt eine Millionen Geräte des heutigen Retro-Kult-Objekts. Welchen großen Einfluß der C64 als König der Heimcomputer auf die Computergeschichte hatte, zeigen heute noch die zahlreichen Retro-Computer-Fan-Seiten und besonders eindrucksvoll der umfangreiche Wikipedia-Beitrag zum Commodore 64.

Der Prozessor des C64 mit einer Taktfrequenz von 0,985248 MHz war zwar nicht besonders schnell und der VIC (Video Interface Controller) II von MOS Technology konnte auch nur 16 Farben darstellen, dafür konnten diese aber gleichzeitig auf dem Bildschirm angezeigt werden. Die 8 Hardware-Sprites mit Kollisionsabfrage, das Sprite-Multiplexing und das sanfte Scrolling durch Rasterzeileninterrupts gaben Programmierern das ideale Rüstzeug an die Hand diese technischen Möglichkeiten in Videospielen kreativ einzusetzen. Dazu kam ein sehr guter Soundchip, der MOS Technology 6581 SID (Sound Interface Device), der ebenfalls zur Popularität und Legendenbildung des C64 beitrug. Dieser Chip machte aus dem C64 praktisch einen dreistimmig polyphonen Musiksynthesizer, der zur damaligen Zeit als revolutionär für den Heimcomputer-Bereich angesehen werden muß. Durch diese gehobenen Möglichkeiten der Klangerzeugung etablierten sich unzählige Programmierer und Videospiel-Komponisten, die den C64 als Musikcomputer nutzten und daraufhin Computerspiele vertonten. Viele der „Soundtracks“ zu 64er-Spielen wurden deshalb auch zu Klassikern der Computermusik und C64-Komponisten wie Rob Hubbard, Martin Galway, Ben Daglish, Johannes Bjerregaard, Chris Hülsbeck, Reyn Ouwehand, Matt Gray und Jeroen Tel genießen noch heute großes Ansehen innerhalb der SID-Szene. Um mehr als drei Stimmen bzw. drei Instrumente simulieren zu können, wurden von den Commodore 64-Komponisten vermehrt „Arpeggios“ eingesetzt und Lücken in einer Melodie ausgenutzt, um dort ein zusätzliches Instrument unterzubringen oder mit einer Begleitstimme die Soundkomplexität künstlich zu erhöhen. Somit wurden die drei parallel nutzbaren Tonkanäle bis an die Grenzen ausgereizt, da sich auf einem Kanal mitunter zwei oder mehr Melodien oder Stimmen befinden konnten. Aber nicht nur für die bekannten C64 Komponisten wie Rob Hubbard, Martin Galway und Ben Daglish war der Commodore 64 ein beliebter „Computersynthesizer“, sondern auch heute gibt es noch Künstler, die die einprägsamen Sounds des SIDs schätzen. Beispiele für Bands mit C64-Sounds (Chiptune) sind die Band Welle: Erdball, Mikron64, Machinae Supremacy, Apoptygma Berzerk, Console, Ladytron.
Besonders das reichhaltige Software-Angebot im Bereich der Computerspiele und die günstigen Vertriebkanäle über die etablierten Kaufhausketten, verhalfen dem Commodore 64 zu seinem langanhaltenden Aufstieg während der 80er-Jahre – auch wenn die 8-Bit-Technik spätestens 1988 nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik entsprach.

Der 64er – Ein Spielecomputer!?

Commodore C64 - BrotkastenNahezu jedes bekannte Videospiel und umsetzbares Arcade-Game der 80er-Jahre wurde auch für den C64 adaptiert. Grobe Schätzungen besagen, daß zwischen 1982 und 1993 mehr als 15000 kommerzielle Spiele für den Commodore 64 erhältlich waren. Zu den 64er Spiele-Klassikern zählen u.a. Maniac Mansion, International Karate, Paradroid, Uridium, Archon, Arkanoid, California Games, Commando, David’s Midnight Magic, Delta, Katakis, R-Type, Elite, Great Giana Sisters, The Last Ninja, Lazy Jones, Little Computer People Project, Revs +, Scramble, Impossible Mission, Wizball oder auch Tass Times in Tonetown.
Fast alle Spiele hatten eine Auflösung von 160×200 Pixeln und sie konnten per Joystick gesteuert werden. Da der C64 über zwei Joystick-Ports verfügte, die den Atari 2600-Standard unterstützten, waren in den 80er-Jahren eine Vielzahl von digitalen Joystick-Modellen im Handel erhältlich. Besonders die Quickshot-Reihe und der Competition Pro erfreuten sich damals großer Beliebtheit.
Commodore Business Machines produzierte den C64 etwa elf Jahre lang. Während dieser Zeit wurden technische Details verändert und das optische Design mehrfach angepaßt. Dennoch blieb über alle Entwicklungsstufen hinweg eine fast hundertprozentige Softwarekompatibilität gewährleistet. Zwischen 1982 und 1986 wurde der Ur-64er im beige-farbigen Brotkasten-Look hergestellt, bevor im Sommer 1986 dieses klobig wirkende Retro-Gehäuse einem flachen Tastaturgehäuse in 128er-Optik weichen mußte. Doch mit dem neuen ergonomischen Gehäuse des C64C gingen auch einige Nachteile für die Benutzer einher. Denn während im sogenannten „Brotkasten“ noch jede Menge Platz für Hardware-Erweiterungen vorhanden war, paßte in das neue flache Tastaturgehäuse fast nichts mehr rein. Darüber konnte auch die Gratis-Beigabe der grafischen Benutzeroberfläche GEOS nicht hinwegtäuschen (eine Art „Betriebssystem“, vergleichbar mit GEM des Atari ST), so daß Commodore zwischen 1987 und 1988 wieder zur althergebrachten „Brotkasten“-Form zurückkehrte, wobei für diesen C64G aber ein graue Tastatur gewählt wurde.
Der massenhafte Verkauf und die weltweite Verbreitung des Commodore 64 garantierten und förderten das riesige Software-Angebot und steigerten so die weitere Popularität. Gegen Ende der 80er Jahre verdrängte aber langsam der Commodore Amiga den C64. Der Amiga gilt deshalb auch als Nachfolger des C64, auch wenn er technisch gesehen eine völlig andere Hardware besaß. Rund um den C64 etablierte sich in den 80er-Jahren eine jugendliche Computer-Subkultur (Cracker, Hacker, Demo-Szene, Case-Modder, usw.), die in Teilen auch heute noch existiert bzw. als Keimzelle für die heutige PC-Szene angesehen werden kann.
Im Jahre 1994 mußte Commodore International Ltd. offiziell Insolvenz anmelden, trotzdem existiert noch heute eine große C64-Fan-Gemeinde, die auf Hobby-Basis und mit viel privatem Enthusiasmus den C64 teilweise in die aktuellen computertechnologischen Entwicklungen einbindet. Auf einschlägigen Community-Webseiten werden z.B. Bauanleitungen für kuriose Erweiterungen und Hardwaremodifikationen wie Speicherkarten-Lesegeräte, Festplattencontroller, MP3-Player oder Internet-Browser für den Heimcomputer-Dinosaurier vorstellt. Darüber hinaus hat sich seit einigen Jahren eine feste C64-Retro-Gaming-Szene etabliert. Seit 2011 existiert auch ein Commodore 64 PC von Commodore USA, d.h. ein zeitgemäßer PC mit Mini-ITX-Mainboard und Atom-Dual-Core in einem Commodore-64-Gehäuse im Brotkasten-Look. Also, ein durchaus interessantes Retroprodukt für Technik-Nostalgiker und Computerspiel-Nerds.