Zügig und beständig rollen seit einigen Jahren die verschiedensten Retro-Wellen über uns hinweg.
Mal kommen sie ganz langsam und gewaltig, manchmal unbemerkt und abseits des Mainstreams - dann wieder ganz plötzlich, kurz und heftig. Wir erinnern uns an den kurzen Wackeldackel-Hype und das langsame Revival der 70er-Jahre Sneaker und Trainingsjacken. Insgesamt kann man jedoch sagen, daß die Revivals zahlreicher werden, die Dauer sich verkürzt und die Retro-Kultur alle Bereiche der Alltagslebens durchzieht.
Die Bezeichnung "Retro" steht für rückwärtsgerichtet, oder deutet in Wortschöpfungen wie Retrowelle, Retrotrend bzw. Retro-Kult oder Retro-Mode auf ein kulturelles Phänomen in den postindustriellen Gesellschaften hin. Hierbei werden "Kultgegenstände" bzw. ganz allgemein formuliert, kulturelle Erinnerungsstücke vergangener Jahrzehnte, auf unterschiedliche Art und Weise wieder aufgegriffen, akribisch gesammelt oder mit dem Ziel der Innovation neu interpretiert.
Nichts ist aktueller als die Mode-Trends von gestern. Der Vintage-Look erlebt einen Boom, Second-Hand-Läden haben Hochkonjunktur. Kaum ein Wirtschaftsbereich bIeibt von der Retrowelle verschont. In jedem Baumarkt gehören Lavalampen zum Standard-Sortiment. Der Comedystar Hape Kerkeling macht Werbung für die fast vergessene Ahoj-Brause. Pril-Blumen, Brandt-Zwieback-Junge oder Pustefix-Bär werden auf T-Shirts gedruckt. Wer zur WM 2006 unbedingt dem Zeitgeist Rechnung tragen wollte, der konnte sich Retro-Trikots kaufen und fortan wie die deutschen Fußball-Weltmeister von 1954 rumlaufen. Der legendäre C64-Heimcomputer verschmilzt mit dem Kult-Joystick Competition Pro und feiert seine Wiederauferstehung im Retro-Gaming-Underground. In der Werbung fährt Lee Majors wieder Geländewagen zur Titelmelodie "The Unknown Stuntman" (Ein Colt für alle Fälle) oder er präsentiert die neueste Laptop-Technik mit Anlehnung an den "Sechs-Millionen-Dollar-Mann". Man gibt sich trendbewußt, trinkt Afri-Cola und läßt die Stille des Morgens mit dem schrägen Weckton eines Klappzahlenweckers enden. Die Beispiele sind endlos.
Das Retro-Phänomen geht um, immer schneller und vielfältiger vollzieht sich die Reanimation vergangener Jahrzehnte.
Aber es geht bei diesen Trends und Relikten nicht um historisches erinnern. Tatsächlich geht es um mehr. Retro ist mehr als ein nostalgisch-verklärter Lifestyletrend. Die Vergangenheitszitate schützen einerseits vor der ungewissen Zukunft. Andererseits ist der Retro-Gedanke als Gegenentwurf zum ständigen Innovationsdruck zu betrachten. Retro-Kultur ist gleichzeitig Abgrenzung und Zusammenhalt - Verweigerung gegenüber der ständigen Jagd nach dem Neuen und Identifikations-Fixpunkt bzw. Wir-Gefühl anhand von gemeinsamen Erfahrungen. So gesehen, kann der gesamte Retro-Kult auch als Nebeneffekt zur Globalisierung bzw. als Folge der Wegwerfmentalität in der Konsumgesellschaft angesehen werden, wo vieles Liebgewonnene permanent vom Verschwinden bedroht ist.